Demenz – eine Herausforderung für das oö. Pflege- und Gesundheitswesen?

Demenz ist nicht nur für die Betroffenen eine immense Herausforderung, sondern auch für pflegende Angehörige und Mitarbeiter in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen. Ist Oberösterreich gewappnet, um alle Betroffenen zu versorgen und zu betreuen?
Wie sehen „demenzgerechte“ Pflegeheime und Krankenhäuser aus? Braucht es eine Reform beim Pflegegeld- und Personalschlüssel? Und wie können pflegende Angehörige besser entlastet werden? Immerhin werden 70 Prozent der Menschen mit Demenz zuhause gepflegt.
Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich der aktuelle OÖVP-PoliTalk.

Es diskutierten unter anderem Prof. Dr. Stefanie Auer, Leiterin des Zentrums für Demenzstudien und wissenschaftliche Leiterin der MAS Alzheimerhilfe; Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Präsident der österreichischen Alzheimer Gesellschaft und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer.

 

 

Oberösterreich ist ein Land, das vorausschaut und Verantwortung übernimmt. Deshalb legen wir einen besonderen Schwerpunkt auf die Demenz. Wir wollen, dass sich Menschen im Alter auf die beste Pflege verlassen können. Unser Ziel ist es zu unterstützen, andererseits aber auch unsere Gesellschaft zu sensibilisieren und für mehr Akzeptanz zu sorgen. Denn Demenz geht uns alle an.

Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer

Die ersten Schritte wurden bereits gesetzt:
  • Die „Integrierte Versorgung Demenz“ (IVD) wird nach der Pilotphase auf ganz OÖ ausgerollt.
  • Bis 2025 sollen elf Demenzberatungsstellen in OÖ eingerichtet werden, vor allem zur Stärkung von Beratung, klinisch psychologischen Tests, Ressourcentraining für die Betroffenen sowie Belastungstestungen und Schulungen für die Angehörigen.
  • Alten- und Pflegeheime sollen noch mehr mit spezifisch geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt werden.
  • In der Ausbildung an den Oö. Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege wurde und wird in den Lehrplänen das Thema Demenz stärker gewichtet – sowohl für die Langzeit- als auch für die Akutpflege, damit Auszubildende auf die speziellen Anforderungen vorbereitet werden.
  • Das Kepler Universitätsklinikum hat bereits 2016 ein Zentrum für Altersmedizin geschaffen. In den neu renovierten Einrichtungen einer Tagesklinik und einer eigenen Memory-Klinik*1 können bereits seit 2018 noch mehr Patientinnen und Patienten in einem frühen Stadium der Krankheit Demenz behandelt werden, wodurch man den Krankheitsverlauf entscheidend verlangsamen kann.


„Es sind in Oberösterreich bereits gute Strukturen und Initiativen vorhanden. Ziel ist es, diese Tätigkeiten und Versorgungsstrukturen aufeinander abstimmen, zu bündeln und weiterzuentwickeln“, so Stelzer. Das bedeutet beispielsweise Möglichkeiten auszuloten, ob Angebote in den Regionen miteinander verbunden werden können, wie der medizinische Bereich und der pflegerische Bereich noch enger zusammenarbeiten können oder wie die Präventionsarbeit verbessert werden kann. Diese Informationen sollen auch bei der Bevölkerung ankommen.


„Ziel ist es auch, etwaige Lücken im Versorgungssystem zu erkennen und bestmöglich zu schließen. Ein Mensch mit Demenz im ländlichen Raum steht vor anderen Herausforderungen als demenzkranke Menschen in der Stadt. Demenzkranke mit pflegenden Angehörigen brauchen andere Unterstützung als Alleinlebende.
Wir geben eine politische Verpflichtungserklärung ab, dass wir dieses Thema in Oberösterreich sehr ernst nehmen und deutlich anschieben wollen – auch als Motor für die Bundespolitik.


Demenz: Richtig investieren. Dringend müssen Modelle zur Früherkennung sowie Behandlungskonzepte für Pflegeheime entwickelt und auf Effektivität getestet werden. Von Pflegeteams wird erwartet, dass sie bedürfnisgerechte Betreuung leisten, für die sie nicht ausgebildet wurden. Dringend sind auch hier evidenzbasierte Konzepte nötig.

Univ.-Prof. Dr. Stefanie Auer, Leiterin des Zentrums für Demenzstudien und wissenschaftliche Leiterin der MAS Alzheimerhilfe

Weltweit leben heute ca. 47 Millionen Menschen mit einer Demenz.

In Oberösterreich sind es nach Berechnungen der OÖGKK (2015) ca. 21.070 Menschen, die mit einer Demenz leben. Diese Zahl wird sich alle 20 Jahre verdoppeln und ca. 80 Prozent der Betroffenen werden zu Hause betreut. Vorrangige wichtige Themen sind die Methoden der Früherkennung von Demenz und Entlastung der Angehörigen, die Information und Ausbildung verschiedenster Berufsgruppen und die Bewusstseinsbildung in der breiten Bevölkerung. Um geeignete Methoden zu identifizieren, ist Implementierungsforschung nötig und geeignete Forschungsstrukturen müssen geschaffen werden.
Das Modell der Demenzservicestelle, das nun in OÖ 2020 flächendeckend ausgerollt wird, bietet ein gutes Modell zur Früherkennung und Entlastung der Angehörigen, das national und international Anerkennung erfährt und als evidenzbasiertes Modell das Herzstück der Österreichischen Demenzstrategie bildet. 20 Prozent der Menschen mit Demenz leben in Pflegeheimen. Wir wissen über die Bedürfnisse der Pflegeheimbewohner, der Pflegteams und der Angehörigen sehr wenig. Die DEMDATA Studie (gefördert vom Österreichischen Forschungsfonds, FWF) hat gezeigt, dass 85 Prozent der Personen, die in einem Pflegeheim leben, eine Form eines kognitiven Defizits zeigen (80 Prozent zeigten herausfordernde Verhaltensweisen). Nur 58 Prozent der Bewohner hatten eine Demenzdiagnose, die auch in den Krankenakten dokumentiert war.
Daraus leitet sich ein Hinweis auf ein großes Defizit in der Versorgung von Pflegeheimbewohnern ab.


Die Politik möge ein „Train the Trainer“-Programm unterstützen mit dem Ziel, Enttabuisierung, Aufklärung und Präventionsinformation im Demenzbereich zu fördern. Denn falls die beeinflussbaren Demenz-Risikofaktoren* beachtet und der Lebensstil entsprechend modifiziert wird, kann etwa ein Drittel der DemenzkandidatInnen von der klinischen Demenzsymptomatik verschont bleiben. 

Univ.-Prof. Dr.med Peter Dal-Bianco, FA für Neurologie & Psychiatrie, Klinische Neurologie, Medizinische Universität Wien em., Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft

Mehr als 70 Prozent der DemenzpatientInnen werden bekanntlich zuhause betreut. Die Hauptlast der Versorgung Demenzkranker tragen somit die Angehörigen, Partner, Kinder, Freunden etc. Es gilt, künftig diese informellen HelferInnen (Caregiver) durch öffentliche Maßnahmen mehr zu unterstützen. Wichtig ist die öffentliche Wertschätzung dieser Betreuungsleistungen. Dazu gehören auch faire gutachterliche Stellungnahmen für die Empfehlung/Zuteilung der entsprechenden Pflegegeldstufen, um die Betreuung der Demenzkranken im häuslichen Bereich weiterhin zu ermöglichen. Speziell neuropsychiatrisch/gerontologisch ausgebildete GutachterInnen sind einzusetzen, da diese kaum der „Fassadenfalle des Dementen“ aufsitzen.

 

Denn falls die beeinflussbaren Demenz-Risikofaktoren* beachtet und der Lebensstil entsprechend modifiziert wird, kann etwa ein Drittel der DemenzkandidatInnen von der klinischen Demenzsymptomatik verschont bleiben. Diese KandidatInnen sind bereits neuropathologisch am „Alzheimerweg“, können aber durch Präventionsmaßnahmen den Beginn ihrer klinischen Demenzbeschwerden um Jahre hinausschieben. Ergebnisse von Langzeitstudien geben Hinweise, dass u. a. ein körperlich aktiver Lebensstil (z. B. Tanzen, Schwimmen, Wandern) einen schützenden Effekt auf die Demenzentwicklung hat. Auch in Hinblick des allgemein positiv gesundheitlichen Effektes für Herz-Kreislauf durch regelmäßige körperliche Bewegung sollten auch ältere Menschen zu körperlicher Aktivität motiviert werden.


Der geistige Abbau lässt sich im Alter bremsen, falls es gelingt, sich mehr zu bewegen, Neugierde zu entwickeln, soziale Kontakte zu pflegen, sich gesund zu ernähren und die Demenz-Risikofaktoren zu behandeln.

* Demenz-Risikofaktoren: Bewegungsmangel, Übergewicht, Schwerhörigkeit, Vereinsamung, Zigarettenrauchen, Alkoholkonsum, Bluthochdruck, Diabetes Mellitus, geringe Ausbildung – wenig Neugierde – geistige Inaktivität, Depression.

*1Memory Kliniken sind wichtige PatientInnen-Servicestellen zur fachärztlichen Abklärung ihrer kognitiven Defizite und deren Ursache. Dies ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Mit schriftlicher informierter Zustimmung der PatientInnen werden erhobene Daten neue wissenschaftliche Erkenntnisse ermöglichen.
Die Österreichische Alzheimer Gesellschaft hat ein österreichweites Netzwerk mit wissenschaftlicher Synergie (PRODEM Datenbank) entwickelt.